Eindrücke und Vorschläge

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»Ich schaffe mir den Text drauf. Ihr könnt euch drauf verlassen.« Das sagte Gregor Eckert, als wir uns etwa drei Wochen vor dem Gemeinwohl-Ökonomie Bürger*innenKonvent > Wirtschaft die Veranstaltungsräume auf dem Mindener FH-Campus angeschaut haben. Gregors Rolle: Zwischenrufer. Der Text: das Leap Manifest aus dem 2015 erschienenen Buch No is not enough oder Deutsch: Gegen Trump von Naomi Klein.

Er würde ihn nur vorlesen, sagte Gregor Eckert, der sich als Freischaffender Schauspieler und die schlechtere Hälfte unserer TheaterIntendantin vorgestellt hatte. Aber von »nur« konnte keine Rede sein: der Moment für den Zwischenruf hätte besser nicht sein können.

Als Veranstalter dieses ersten kommunalen Gemeinwohl Ökonomiekonvents, bei dem der Versuch gemacht werden soll, einen neuen Gesellschaftsvertrag zum Thema Wirtschaft aus zu handeln, hatten wir zwei Befürchtungen: dass niemand kommen würde und dass die Energie nach der Mittagspause nicht ausreichen würde für die Workshops und die Aufgabe, ein neues, sozial-ökologisches und generationengerechtes Leitbild für Minden als Hansestadt der Zukunft zu entwerfen, ausgedrückt in der Form von strategischen Zielen.

Die erste Befürchtung erwies sich als unbegründet. Es waren über 30 Teilnehmerinnen da, darunter viele Multiplikatoren, die SPD-Landtagsabgeordnete Christina Weng, die stellvertretende Bürgermeisterin Ulrieke Schulze, die mit einem Regenbogenfarben den Schirm die Schirmherrschaft des Bürgermeisters für den Konvent symbolisierte, Dekan Professor Doktor Oliver Wetter eröffnete den Konvent mit einem Plädoyer für die sozial-ökologische Transformation, Für eine Welt, in der Ingenieure nicht dazu da sind Lösungen für Menschen gemachte Katastrophen zu erfinden. Professor Weinig berichtete, wie in einer Kooperation der Fachbereich Campus Minden, der Master-Studiengang integrales Bauen, die regionale Projektgruppe Gemeinwohl-Ökonomie und ethischer Welthandel und die Immobilien- und Standortgemeinschaft eines Stadtquartiers in der Fußgängerzone an einem Reallabor für gemeinwohl-orientierte Infrastrukturentwicklung arbeiten.

Keynotes

Die Referent*innen waren fast alle junge Erwachsene oder junge Eltern.

Sebastian Garcia Dennemark faszinierte mit einer Gegen­über­stellung des neoliberalen Menschenbildes und der Sicht auf den Menschen und seine Möglichkeiten aus der Perspektive der kritischen, pluralen Ökonomik.

Dr. Marie Luise Meinhold – Mathematikerin, Biologin und Gründerin der ersten Sach­ver­sicherung auf der Basis der Gemeinwohl-Bilanz – brach eine Lanze für die Finanzwende, für die sich das EU Parlament mit dem Finanz­aktions­plan stark macht. Ein Plädoyer für Europa.

Dawid Schimmel, Leiter der Abteilung Operations and Cooperations bei einem großen Chemiekonzern mit anspruchsvollem Nachhaltigkeitsmanagement sprach über die Zielkonflikte zwischen Ökologie und Arbeitsplatzsicherung, operative Strukturen und Innovation – knüpfte an an die 1. Mindener ZukunftsWerkstatt anno2039 und lud dazu ein, aus einer gelungenen Zukunft auf die Gegenwart von 2019 zurück zu schauen: Was haben wir »damals« richtig gemacht?

Inna Sawatzki, seit einem Jahr Klimaschutzmanagerin der Stadt Minden, berichtete über das neue Klimaschutzkonzept von Stadt und Kreis. Ihr gefällt der anspruchsvolle Ansatz der Gemeinwohl-Ökonomie, für die das Wohl von Mensch und Umwelt als das oberste Ziel des Wirtschaftens festzulegen ist, während es beim Konzept der Nachhaltigkeit – zumindest laut Definition – eher um das Gleichgewicht zwischen Ökonomie, Ökologie und sozialer Verantwortung geht: Mensch und Umwelt sollen mindestens genauso wichtig sein wie der wirtschaftliche Erfolg.« Zur Pause und der anschließenden Podiumsdiskussion leitete mit dem Statement: »Für eine nachhaltige Entwicklung im Wirtschaftssektor ist ein Umdenken unerlässlich. Die Orientierung an der Gemeinwohl-Ökonomie kann dabei ein zielführendes Instrument sein.« über.

Podiumsdiskussion

Die Veranstalter hatten Henning Wandel – Redakteur beim Mindener Tageblatt zuständig für das Ressort Wirtschaft und Politik – als Moderator der Podiumsdiskussion vor nicht unerhebliche Herausforderungen gestellt, als das klassische Podium in eine FishBowl Diskussion erweitert wurde und Beiträge zu moderieren waren, auf die man sich nicht vorbereiten konnte. Aber an den unglaublich intensiven Gesprächen in der anschließenden Mittagspause zeigte sich, dass die Formate richtig gewählt waren. An dieser Stelle einen ganz herzlichen Dank an Henning Wandel für seine Bereitschaft, sich auf dieses Moderations-Abenteuer einzulassen.

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Zwischenrufer

Und dann war die Zeit für den Zwischenrufer gekommen: Gregor Eckert löste die mittägliche Wohlfühl-Atmosphäre mit seinem emphatischen Vortrag des Leap-Manifests auf.

Leap bedeutet nicht nur einen Satz oder Sprung, leap bezeichnet im englischen auch das Schaltjahr: leap year. Wie kaum ein anderer Text fasst dieses Manifest auf vier A4-Seiten zusammen, vor welchen Herausforderungen wir stehen und dass es keine Entschuldigungen und Ausreden gibt, denn für jede diese Herausforderungen wurden schon Lösungen entwickelt.

Zu überwinden gilt es also eigentlich nicht die Herausforderungen des Klimawandels, der Umweltschäden, des Artensterbens, von Hunger und Krieg; sondern Eigennutz, Trägheit, Resignation vor Pfadabhängigkeiten und Egoismus müssen überwunden werden. 2015 veröffentlicht – nur wenige Wochen vor der Verabschiedung der 17 Welt Nachhaltigkeitsziele in der Agenda 2030 und den Pariser Klimaabkommen – fordert es einen großen Sprung: ein besonderes Schaltjahr – ein leap year, also – in dem wir den Hebel umlegen und uns alle gemeinsam – nicht nur mit unseren Freunden sondern auch mit Konkurrenten, Widersachern und selbst oder vielleicht gerade mit unseren Feinden – an einen Tisch setzen, Hand anlegen oder uns auf den Weg machen, um den Generationenvertrag zu heilen den wir gebrochen haben.

In diesem Text steckt die ganze, dramatische Spannung eines wochenlangen des Kurses, bei dem GewerkschaftsFunktionäre der am Bau der Dakota Access Pipeline beteiligten Öl- und Bau Branchen den Aktivisten der indigenen Gruppen gegenüber saßen, die ihre Grundrechte am Stan den Rock bei Eiseskälte mit ihrem Leben verteidigt haben, Militärs und Friedensaktivisten, Umweltschützer und Konzernmanager, Politiker und Verbraucherschützer … zwischendurch soll es zu Handgreiflichkeiten gekommen sein – und trotzdem oder gerade deswegen ist dieser Text entstanden, Das uns nach der Mittagspause, den lebhaftengesprächen und kontroversen Diskussionen bei strahlendem Sonnenwetter in den Raum zurück geholt und daran erinnert hat, Das ist 12:05 Uhr ist oder sogar schon 1:05 Uhr, dass an vielen Stellen des Planeten die Welt untergeht und dass wir dien Weichen stellen müssen. Auch wenn wir nicht wissen, wie es geht, so wissen wir doch genug, um anzufangen. Danke, Gregor, für diese besondere Überleitung zu den …

Workshops und Plenum

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Lutz Dudek erläuterte die 7 Transformationswenden, die Uwe Schneidewind vom Wuppertal-Institut in seinem Buch Kunst der Transformation beschrieben hat. An vier WorldCafé-Tischen wurden in drei Runden Strategische Ziele zur Mobilitätswende, zur Energie- und Ressourcenwende, für die industrielle Wende und die Ernährungswende erarbeitet.

Vorschläge zur Weiterentwicklung der strategischen Ziele der Stadt Minden

Vorschlag zur Mobilitätswende

In Minden ist ÖPNV Daseinsvorsorge.

Das zeigt sich am deutlichen Ausbau des ÖPNV im 15-Minuten-Bus-Takt. Das Informations- und Orientierungssystem des ÖPNV ist vorbildlich.

Die Infrastruktur ist zugunsten von Radfahrern und Fußgängern – z.B. bei Ampelschaltungen – umgestaltet. Es gibt zahlreiche Fahrradstraßen. Die Fahrradstreifen sind breit ausgebaut.

Vorschlag zur Ernährungswende

2020 haben die Bürgermeister*innen von Minden und Köln die Städtepartnerschaft »Essbare Region« besiegelt.
Der Unverpacktladen und das Kompetenz- und Impulszentrum (KIZ) »Minden unverpackt« sind ein pulsierender Ort geworden.

Minden ist Teil der europäischen Initiative Zero-Waste City – Stadt ohne Müll.

Seit 2021 gibt es bei der Stadt Minden Stellen und Kernprozesse zur Förderung von Inititativen wie Foodsharing, Lebensmittel-Retten, Unverpackt, Ernährungsrat etc.

2022 ist aus dem KIZ ein Unverpackt-Laden entstanden.

2025 wird die Verpflegung in Schulen, Verwaltung und anderer Einrichtungen in kommunaler Hand zu 70% mit regio-nalen Lebensmittel in ökologischer Qualität bestritten.

2027 ist die Logistik der Lebensmittelunternehmen so ausgelegt, das Lebens-mittel vollständig bestimmungsgemäß verwertet werden.

Vorschlag zur Energiewende

2034 hat Minden seinen gesamten Energieverbrauch um 40% zu 2019 reduziert – in Privathaushalten, bei Industrie, Handwerk, Dienstleistungen, in der öffentlichen Verwaltung und in öffentlichen Betrieben – sowohl bei Strom wie auch Wärme.

Strom und Wärme werden zu 100% regenerativen Quellen gewonnen.

Vorschlag zur Ressourcenwende

Die Recyclingquote in Minden liegt 2050 bei 95%.

Der Freiflächenverbrauch liegt 2050 bei Null, d.h. es findet keine weitere Versieglung statt.

Alle Bürger*innen haben Energie und Ressourcen schonendes Verhalten im Beruf und im Privaten verinnerlicht.

Minden hat den Pro-Kopf-Wohnraum seit 2019 halbiert, z.B. durch Förderung von Wohngemeinschaften, Mehrgenerationenanlagen und durch die Gemeinschaftsnutzung von Flächen. Das Konzept ist in der Bauordnung verankert.

Vorschlag zur industriellen Wende

Seit 2021 werden Unternehmen belohnt, die eine Gemeinwohl-Bilanz erstellen. 2022 kommen kommunale Kennzahlen dazu, die einen Anreiz für Unternehmen schaffen, kontinuierlich ihre Gemeinwohl-Bilanz zu verbessern.

Die Stadt Minden hat 2025 ihre gesamten Rohstoffflüsse analysiert, ihre Wertstoffkreisläufe definiert und umgesetzt.

Im abschließenden Plenum gab es den Vorschlag, wenn bei der traditionellen Autoschau Minden macht mobil am letzten Sonntag im Mai die Autohäuser ihre Flaggschiffe auf dem Marktplatz zeigen dürfen, diesen Tag dem guten Lebens zu widmen und die übrige Stadt in eine autofreie Zone und ein großes Nachbarschaftsfest zu verwandeln. Ein erster aber substanzieller Schritt – ein Sprung in Richtung urbane Wende.