Buèn vivìr – »Für eine Welt in Balance«

von | 21. Mai 2018

Die wochen­lange, liebe­volle Vorbe­reitung von Stadt­pla­nerin Sabine Haupt­meier war überall zu spüren und das Traum­wetter mit wolken­losem Himmel und leichtem Wind tat sein übriges: mehrere Tausend Besucher·innen haben am Pfingst­sonntag beim 4. Famili­enfest die Saison­er­öffnung des Mindener Weserstrandes an »Kanzlers Weide« gefeiert. Die fünf Stunden reichten nicht aus, um alle Attrak­tionen und Aktionen mitnehmen zu können. Bessere Bedin­gungen hätten wir uns für unser coming out, unseren ersten großen Auftritt in der Öffent­lichkeit nicht wünschen können.

Durch das Flattern der Papier­blätter im böigen Nordostwind hatte der ganze Tag einen poeti­schen Hinter­grund­klang. Die stabile und gleich­zeitig feder­leichte, 8 Meter hohe Demo-Unit aus Bambus­stäben, die im vergan­genen Sommer bei der G20-Demons­tration in Hamburg Premiere gehabt hatte, durften wir von unseren Biele­felder Attac-Freunden ausleihen. So war aus allen Richtungen schon von weitem zu sehen, wo es »Zum Gemeinwohl« ging.

Wenn der Wind es zuließ, konnte man von der Fußgän­ger­brücke über die Weser aus »Wandeltage« lesen – ein Projekt unserer GWÖ-Gruppe, mit dem wir unter dem Motto »Wer urlaubt am zuhau­sesten?« unsere Stadt­ge­mein­schaft vom inter­na­tio­nalen Tag der Regionen am 30. September bis zum 3. Oktober einladen wollen, unsere essbare und nachhaltige Region zu entdecken. Mehr dazu hier…

Für eine Welt in Balance…

Auch unser Banner, das Hossin und sein Freund an der Fußgän­ger­brücke über der Weser aufge­hängt haben, hat schon Geschichte: eine Viertel Million TTIP-Gegner·innen konnten unser Motto »Für eine Welt in Balance« am 10. Oktober 2015 auf der Kronprin­zen­brücke am Spree­bogen gegenüber dem Berliner Haupt­bahnhof flattern sehen.

Über 400 Tänzer·innen waren unserem Aufruf gefolgt und hatten mit uns  – direkt unterhalb der Bundes­pres­se­kon­ferenz – »Tango gegenTTIP!«  getanzt.

Preguntando caminamos – fragend schreiten wir voran …

Von Mexiko ausgehend haben sich mit diesem Satz die indigenen Wider­­stands­­kämpfer·innen der Anden­­völker immer wieder ermutigt, für ihre Rechte auf ein buèn vivìr — ein gutes Leben für alle zu kämpfen. Auch wenn es über Genera­tionen hinweg Hundert­­tausende von ihnen das Leben gekostet hat, bis mit »Sumak Kawsay« das Recht auf ein gutes Leben für alle auf einer heilenden Erde 2006 in die ecuado­rianische und 2008 auch in die bolivi­anische Verfassung aufge­nommen wurde.

Dieser Schnapp­schuss erzählt in einem Bild unsere ganze Geschichte — als Freihandel-à la-TTIP&Co.-Kritiker·innen, als Attacies und als Campaigner für eine enkel­taug­liche Zukunft …

Erwachsenes Attac-Projekt …

Mit unserem orange­far­benen Zelt wollten wir andeuten, dass die Gemeinwohl-Ökonomie ein Attac-Projekt ist. Christian Felber, dessen 2010 erschie­nenes Buch »Gemeinwohl-Ökonomie« eine Bewegung ausgelöst hat, ist Gründungs­mit­glieder von Attac Öster­reich.

Mit Ulrieke Schulze, Vertre­terin unseres Schirm­herrn, Bürger­meister Michael Jäcke.

»Räum ab … Denk neu!

An diesem Tag war es dank der Windböen feder­leicht, Kinder­armut, Steuer­flucht, Rassismus, Tierleid oder Land-Grabbing vom Tisch zu fegen. Hossin, unser neues GWÖ-Mitglied aus dem Iran hatte pausenlos zu tun, denn immerzu waren Kinder da, die gerne Dosen werfen wollten.

Wer es geschafft hat – und mit genügend Geduld oder der Unter­stützung von anderen Kindern haben es fast alle geschafft – bekam als Preis ein Kalei­doskop geschenkt. Denn manchmal muss man die Dinge nur aus einem etwas anderen Winkel betrachten, und schon sieht alles ganz anders aus. Na ja, das ist große-Leute-Philo­sophie…

Zuviel ist nicht genug…*

Manche Kinder warfen ein zweites oder sogar drittes Mal alle Dosen um. Dass aber ein zweites oder drittes Kalei­doskop nicht wirklich mehr ist als eins – schließlich kann man nur durch eines gleich­zeitig schauen – hat manche im ersten Moment verblüfft.

Manche wollten das zweite Kalei­doskop dann trotzdem gerne haben, um es einem anderen Kind zu schenken, das es nicht geschafft hatte, alle Dosen zu treffen.

Uns ging jedesmal das Herz auf.

* … denn genug kann nicht zuwenig sein.

»Spiele & teile!«

Die Spiel­regeln für »Spiele & teile!« sind eine Mischung aus »Mensch ärgere Dich nicht!« und »Monopoly« – mit ein paar kleinen aber wesent­lichen Änderungen:  wenn ein Feld schon besetzt ist, schmeißt man die Mitspieler·in nicht raus sondern kuschelt sich daneben und darf auch fragen, ob man beim nächsten Wurf des anderen »Huckepack« mitreisen darf.

Ereignisfelder in Attac-Orange

Die orangen Kreise sind Ereig­nis­felder. Wer dort ankommt, muss eine Aufgabe lösen. Bei den Kindern haben wir gefragt, was sie wirklich glücklich macht. Und die Erwach­senen mussten sich mit ihren Mitspieler·innen über den Text auf einer der Karten unter­halten.

Aber richtig spannend wird es am Schluss. Man muss nämlich mit der genau passenden Punktzahl das grüne Ziel erreichen und kann nicht aussetzen. Mit der überschüs­sigen Punktzahl muss man zurück zum Anfang. Wer zu große Zahlen würfelt ist also darauf angewisen, jemanden zu finden, dem er seinen Wurf schenken kann. So sind die in der Pole-Position am Ende darauf angewiesen, ihren Überfluss an die Schluss­lichter weiter­geben zu können.

Eine besonders schöne Lösung fanden wir, als als alle Mitspieler Huckepack mit der Vordersten ins Ziel gehen konnten.

Eine solche Welt wäre wirklich enkel­tauglich!

Bürgerentscheid>Wirtschaft

Das Famili­enfest haben wir genutzt, um schon mal auf unseren GWÖ-Bürgerkonvent>Wirtschaft im Herbst hier in Minden hinzu­weisen.

Dann wollen wir an zwei Tagen disku­tieren, spielen und feiern und uns schließlich 20 Indika­toren wählen, an denen wir »Handeln & Wirtschaften mit Anstand« ablesen wollen.

Schließlich ist Minden eine altehr­würdige Hanse­stadt!

Diese 20 Indika­toren (er)finden wir natürlich nicht an einem Tag. Deshalb haben wir schon mal angefangen und einige Vorschläge auf Postkarten drucken lassen und zum Pfingstfest an der Weser mitge­bracht. Wer ein Ereig­nisfeld erreicht hat, musste eine Karte ziehen, vorlesen und mit den Mitspieler·innen disku­tieren, ob und warum man der Aussage zustimmen soll – oder warum nicht.

Nota bene …

Viele Kinder kamen später mit unserem kleinen up-cycling-Gutschein wieder und ließen ihren Wegwerf­becher vom Eis oder vom Kaffee ihrer Eltern mit Blumenerde und Sonnen­blu­men­samen oder der Blüten­mi­schung »Bienen­glück« füllen.

Hossin hatte sich für die Lösung »beides!« entschieden und schickte eine Woche nach dem Fest dieses Foto. So ein Glück!